Antworten an die EUROPEANA — die nächsten Schritte

Antworten an die EUROPEANA zur öffentlichen Anfrage „EUROPEANA — die nächsten Schritte“ von Prof. Dr. Rainer Kuhlen, dem Sprecher des Aktionsbündnisses „Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft“ vom 14. November 2009

(1) Welche Ausrichtung würden Sie für die künftige Entwicklung von Europeana als gemeinsamem Zugangspunkt zu Europas Kulturerbe in einem digitalen Umfeld vorschlagen?
EUROPEANA sollte keine zentrale Einrichtung sein, sondern sich auf durch das Internet gegebene Vernetzungspotenzial abstützen. Die „Zentrale“ sollte in erster Linie Aufgaben der Koordination und der Standardisierung und der (verteilten) Suche wahrnehmen (vgl. Antwort auf die nächste Frage)

(2) Welche Funktionen oder Eigenschaften sollten bei künftigen Entwicklungen von Europeana Vorrang haben?
Entsprechend (1) Aufbau von Vernetzungsstrukturen; Entwickeln von gemeinsamen Standards und Metainformationsformen (semantische Kontrolle), die dezentral zur Anwendung kommen sollen. Entwickeln einer darauf beruhenden gemeinsamen Suchmaschine, die also das koordinierte Auffinden der Objekte in dezentralen Repositories ermöglicht.

(3) Schafft Europeana es, sowohl Europas digitales Kulturerbe über ein gemeinsames Portal zugänglich zu machen, als auch die Sichtbarkeit der einzelnen Institutionen, die das Material zur Verfügung stellen, zu gewährleisten? Oder sollte das durch Europeana zugängliche Material in einer einheitlicheren Art präsentiert werden?
Einheitlich ja, aber verteilt organisiert

(4) Wie sollte Europeana die Eigenständigkeit ihrer Identität weiterentwickeln?
Durch Leistungen wie unter (2) angedeutet

(5) Sollte es Mindestkriterien für die von den beitragenden Organisationen über Europeana zugänglich gemachten Inhalte geben (z.B. Mindestanforderungen für Ansichts- oder Verwendungsmöglichkeiten)? Wenn ja, wer sollte für die Definition und Umsetzung dieser Anforderungen verantwortlich sein?
Ja unbedingt, vor allem auch für die formalen und inhaltlichen Metadaten. Zuständig könnte ein von den jeweiligen Nationalbibliotheken einzurichtendes Konsortium sein.

Inhalte für Europeana

(6) Welche Arten von Inhalten sind für die Nutzer so wichtig, dass die Mitgliedsstaaten und ihre kulturellen Institutionen bestärkt werden sollten, sie über Europeana zugänglich zu machen?
Kulturobjekte jeder medialen Art, also nicht nur Textdokumente.

(6b) Was für Maßnahmen können ergriffen werden um ihre Zugänglichkeit über Europeana sicherzustellen?
Rechtssicherheit des Zugriffs und der Nutzung. Leistungsstarke Suchformen über verteilte Bestände.

(7) Auf welche Art und Weise können kulturelle Institutionen und Rechteinhaber am besten ermutigt werden, grenzübergreifende Zugänglichkeit – auch über Europeana – in ihre Vereinbarungen zur Digitalisierung und Verbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material mit ein zu beziehen? Welche rechtlichen oder praktischen Hindernisse für einen solchen grenzübergreifenden Zugang müssen dabei beachtet werden?
In erster Linie muss die Frage der verwaisten Werke gelöst werden. Verwaiste Werken müssen genehmigungsfrei genutzt werden. Eine exklusive kommerzielle Verwertung muss ausgeschlossen sein. EUROPEANA muss uneingeschränkt die verwaisten Werke jeder medialen Art digitalisieren dürfen, ohne spätere Sanktionen befürchten zu müssen. Es sollte ein öffentlich kontrollierter Trust eingerichtet werden (verteilt von den Ländern zu finanzieren), aus dem eventuell auftretende Ansprüche befriedigt werden können.

(8) Wie können die unterschiedlichen Voraussetzungen für Digitalisierung und Zugänglichmachung von älteren Werken in Europa und den USA (insbesondere bedingt durch die Tatsache, dass vor 1923 publizierte Werke in den USA gemeinfrei sind) auf pragmatische Weise angegangen werden (z.B. bessere Datenbanken für verwaiste und vergriffene Werke, die Einführung eines Stichtags, vor dem weniger anspruchsvolle Kriterien für gewissenhafte Recherche im Bezug auf verwaiste Werke gelten, …)?
siehe die Antwort zu (7) – zusätzlich Vereinbarungen mit z.B. GBS, um dort geleistete Digitalisierungen über (möglichst freie) Lizenzvereinbarungen nutzen zu können.

(9) Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um zu verhindern, dass durch den Digitalisierungsprozess selbst neue Arten von sui generis Urheberrecht entstehen, die wiederum zu Hindernissen bei der Verbreitung von digitalisiertem gemeinfreiem Material führen würde?
Das kann nur durch dann gesetzliche verbindliche Schrankenregelungen erfolgen, nicht durch privatwirtschaftliche Vertragsvereinbarungen. Verwertungsgesellschaften sollten nur insofern beteiligt werden, als sie nicht auf kommerzielle exklusive Verwertung abzielen.

(10) Was für Maßnahmen können ergriffen werden um sicherzustellen, dass kulturelle Einrichtungen ihr digitalisiertes gemeinfreies Material im Internet so zugänglich und nutzbar wie möglich machen? Sollte es Mindestkriterien für die Art und Weise, in der digitalisiertes gemeinfreies Material über Europeana zugänglich gemacht wird, geben?
Noch einmal: durch Rechtssicherheit. Mindestkriterien müssen im Sinne der Antwort zu (2) vorgegeben werden.

Finanzierung und Verwaltungsstruktur

(11) Welche Aufteilung zwischen EU-, Mitgliedstaaten- und privaten Geldern wäre für die Finanzierung von Europeana angebracht, wenn man in Betracht zieht, dass die Zielsetzung von Europeana die größtmögliche Zugänglichkeit des europäischen Kulturerbes auf paneuropäischer Ebene ist? Könnte Europeana ausschließlich über nationale Kultureinrichtungen oder aus privaten Geldern finanziert werden?
Skepsis gegenüber public-private-partnership-Lösungen (s. aber Antwort zu 12). Sicherung des kulturellen Erbes ist eine öffentliche Aufgabe. Die Kosten für die Digitalisierung und der Speicherung werden oft unrealistisch hoch angegeben (GBS rechnet für 15 Mio. Bücher ca. 750 Mio $ — das sollte verteilt stemmbar sein).

(12) Ist eine dauerhafte Finanzierung durch die Europäische Union für den grundlegenden Betrieb von Europeana nach 2013 notwendig und gerechtfertigt? Welche Art von Förderinstrument wäre hierzu am besten geeignet?
Die laufenden Kosten sollten überschaubar sein, wenn der Grundbestand einmal eingerichtet ist. Eine Finanzierung ist durchaus durch Lizenzierung an private kommerzielle Anbieter von Kulturobjekten denkbar, sofern dann weiterhin der freie Zugang aus der Europeana gewährleistet ist.

(13) Welche Verwaltungsstruktur würde dem am besten geeigneten Finanzierungsmodell (siehe Frage 11) am ehesten entsprechen? Sollten neben Inhalteanbietern noch andere Organisationen in diese Struktur eingebunden sein?
Auf jeden Fall Bibliotheks-, Museums-, Archivvertretungen sowie Nutzerorganisationen aus dem weiteren Kulturbereich, einschließlich Bildung und Wissenschaft.

(14) Wie kann eine private Beteiligung an Europeana am besten umgesetzt werden (z.B. durch Sponsoring, Technologie-Partnerschaften, Verlinkungen von Europeana zu Websites von Verlagen und anderen Rechteinhabern, wo der Nutzer urheberrechtlich geschützte Inhalte erwerben kann oder durch anders geartete Partnerschaften,…)?
Vgl Antwort zu (12)

(15) Wie kann eine private Förderung von Europeana am besten angeregt werden? Sind Inhalte kommerzieller Natur auf Europeana akzeptabel, und wenn ja, in welcher Form (z.B. Sponsorenlogos, Werbung für bestimmte Produkte,…)?
Vgl. Antwort zu (16)

(16) Sollte es einen Beitrag (finanzieller oder anderer Art) geben, den Inhalteanbieter gebührenpflichtiger Sites im Gegenzug für die Verlinkung zu Europeana leisten müssen? Kann ein Modell wie das von Gallica 2, bei dem von der Website der französischen Nationalbibliothek auf Inhalte auf den Websites französischer Verlage verlinkt wird, auf Europeana übertragen werden?
Alle Modelle, auch der kommerziellen Verwertung, sollten ausprobiert werden, sofern als Grundregel immer gilt, dass der freie Zugang zu EUROPEANA selber gewährleistet ist.

News  
4. Dezember 2014

Aktualisierter Textvorschlag einer allgemeinen und umfassenden Bildungs- und Wissenschaftsklausel vorgestellt (mehr)


5. Dezember 2014Rainer Kuhlen

Prof. Dr. Rainer Kuhlen:
„Alle Experten [...] waren sich einig, dass eine umfassende Lösung gefunden werden muss und zwar als Ersatz für die verschiedenen, weitgehend unbrauchbaren Schranken, neben § 52a auch die §§ 52b und 53a.“ (mehr...)
1. Dezember 2014

Pressemitteilung zur Entfristung von § 52a UrhG — ein notwendiger aber nicht ausreichender Schritt in Richtung eines wissenschafts- und bildungsfreundlichen Urheberrechts (mehr)


29. November 2014Stand PTB

Alle Vortragsfolien des von uns veranstalteten Workshops „Ein Aufbaustudium zum Urheberrecht?“ sind jetzt online abrufbar. (mehr...)
24. September 2014

Gedanken zur bevorstehenden Entfristung von §52a UrhG: „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge...“ (mehr)


18. September 2014Stand DJT

Wir sind diese Woche auf dem 70. Deutschen Juristen Tag in Hannover mit einem Stand vertreten. Besuchen Sie uns in der Kuppelhalle. (mehr...)
21. August 2014

Das Aktionsbündnis unterstützt die Erklärung von Lyon über den Zugang zu Informationen und Entwicklung (Erklärung von Lyon)


8. August 2014§

Der Protest gegen die vom Dachverband der STM-Verlage propagierten und mit Creative Commons inkompatiblen Lizenzen für die Nutzung von Forschungsartikeln gewinnt an Fahrt (mehr...)
17. Juli 2014

„Strategie der Bundesregierung zum Europäischen Forschungsraum (EFR)“:
„Die Bundesregierung strebt Verbesserungen im Urheberrecht an, um den Belangen von Wissenschaft, Forschung und Bildung im digitalen Zeitalter besser Rechnung zu tragen und die Potenziale der Digitalisierung für diese Bereiche auszuschöpfen. Insbesondere soll eine allgemeine Bildungs- und Wissenschaftsschranke eingeführt werden.“ (Strategiepapier)


9. Juli 2014Jean-Claude Juncker

Jean-Claude Juncker:
„Urheberrecht darf die digitalen Ambitionen Europas nicht erschweren, sondern muss ein Instrument der Mobilisierung der europäischen digitalen Potentiale werden.“ (mehr...)
15. Mai 2014COAR Logo

Das Aktionsbündnis unterstützt die Initiative für sofortige Open Access Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel und gegen überlange Embargo-Zeiten. (Text der Stellungnahme)


11. Mai 2014Rainer Kuhlen

Prof. Dr. Rainer Kuhlen:
„Eine umfassende Bildungs- und Wissenschaftsklausel wird gebraucht, keine leicht auszuhebelnde Schranke! Die vom Aktionsbündnis vorgeschlagene Klausel formuliert einen umfassenden Rechtsanspruch für freie Nutzung von publiziertem Wissen in Wissenschaft und Bildung.“ (mehr...)
2. Dezember 2013:
Die Landesregierung Baden-Württemberg betritt in Sachen Open Access Neuland (mehr...)

27. November 2013:
Bildungs- und Wissenschaftsschranke im Koalitionsvertrag (mehr...)

14. Oktober 2013:
Zehn Forderungen gegen den Reformstau beim Wissenschaftsurheberrecht (mehr...)

Publikationen
publication Textvorschlag einer umfassenden Bildungs- und Wissenschaftsklausel
Textversion vom 4. Dezember 2014

publication Information als Vitamin für Innovation: Schanken oder Lizenzen für Forschung und Lehre?
Zusammenstellung zur Jahrestagung am 10. Oktober 2013

publication Breite Unterstützung für eine umfassende Verbesserung des Urheberrechts für Bildung und Wissenschaft
Auswertung einer Befragung und politische Konsequenzen, September/Oktober 2011

publication Flyer des Aktionsbündnisses

Wichtige Links
facebook Facebook-Auftritt des Aktionsbündnisses

Das IUWIS Projekt entwickelt Social-Network mit Informationen zum Urheberrecht in Bildung und Wissenschaft.